Geschichte der Papierfabrik Greiz (Thür.)
(Sonderausstellung)

Gegenwärtig ist die Greizer Papierfabrik die älteste ihrer Branche in Thüringen, die noch in Betrieb ist und eine der ältesten in Deutschland.
Greiz, im thüringischen Teil des Vogtlandes gelegen, gehörte über viele Jahrhunderte zum Herrschaftsgebiet der reußischen Fürsten.
Ein gewisser Hans Rot begann 1589 mit Erlaubnis des Fürsten Heinrich II. von Untergreiz außerhalb der Stadt im Aubachtal mit der Errichtung einer Papiermühle „hinter der Stadt uf der Klatzschen“. Am 8. März 1591 erteilten ihm die sämtlichen Herren Reußen das Privileg zum Betrieb der Papiermühle mit dem Recht, den Bau einer weiteren Papiermühle in Greiz, Gera, Schleiz und Lobenstein zu untersagen sowie der ausschließlichen Berechtigung in den reußischen Landen Lumpen zu sammeln. Dieses Datum, also 1591, gilt heute als Zeitpunkt des Beginns der Papierherstellung in Greiz.

Wasserzeichen von Hans Rot

1599 starb Hans Rot und die Erben verkauften die Papiermühle und es folgten mehrere Besitzer, die jeweils nur wenige Jahre blieben, weil der wirtschaftliche Erfolg ausblieb.
Am 3. Oktober 1634 erwarb der aus Langenwetzendorf stammende Papiermacher Valentin Tischendorf die Papiermühle im Aubachtal und am 1. Mai 1637 erwarb er von Heinrich V., Herr zu Plauen, Greiz, Kranichfeld, Gera, Schleiz und Lobenstein, die an der Göltzsch, kurz vor deren Einmündung in die Weiße Elster gelegene Blechmühle und verlegte die Papiermühle an diese Stelle.
Dieser neue Standort gehörte damals nicht zum Flurgebiet der Stadt Greiz, sondern zur Ortschaft Irchwitz, die erst 1921 nach Greiz eingemeindet worden ist.

Wasserzeichen von Joh. Christoph Tischendorf um 1750

Am neuen Standort begann nun die erfolgreiche Entwicklung der Papiermacherdynastie Tischendorf und des Papierstandortes Irchwitz/Greiz. Der Sohn Johann Tischendorf übernahm dann 1676 die väterliche Papiermühle und ihm folgten auf der Irchwitzer Papiermühle noch weitere 4 Generationen Tischendorf bis zu Gottfried Heinrich Tischendorf, der 1793 die Papiermühle übernahm. Am 20. August 1806 starb Gottfried Heinrich Tischendorf im Alter von 31 Jahren. Der älteste seiner drei Söhne war erst 6 Jahre alt, deshalb sah sich die Witwe Caroline geb. Näther gezwungen, die Papiermühle zu verkaufen.
Am 17. Februar 1808 erwarb Christian Friedrich August Günther die Irchwitzer Papiermühle für 15.000 Taler.

Christian Friedrich August Günther

Da zwei seiner drei Söhne früh starben und der dritte Sohn ungeeignet war, übergab er am 17. Juni 1863 die Irchwitzer Papiermühle an seinen Enkel Franz Otto Günther.
Franz Otto Günther ging nun unverzüglich daran, ein Konzept für die Errichtung einer Papiermaschine auszuarbeiten und ließ eine kleine Papiermaschine, die von der Firma Köhler in Nossen geliefert wurde, im vorhandenen Gebäude aufstellen, die dann 1865 in Betrieb ging

Otto Günther

Jetzt entwickelte sich das Sortenprogramm der Fabrik immer mehr in Richtung Verpackungs- und technische Papiere, weg von Schreib- und Druckpapieren. Es wurden farbige Umschlagpapiere für die inzwischen stark gewachsene Greizer Textilindustrie gefertigt, Papiere für die Tabak- und Zigarrenindustrie und später auch Hülsenpapiere für die Spinnereien.
Am 24.11.1885 starb Otto Günther im Alter von 50 Jahren. Er hinterließ die Witwe Julie Günther geb. Hempel, die Tochter Anna Louise und die Söhne Felix Reinhold und Ernst Otto. Der älteste der beiden Söhne, Felix Reinhold, war zu diesem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Julie Günther entschloss sich, den Betrieb zunächst selbst weiter zu führen, bis ihre Söhne in der Lage waren, die Firma zu übernehmen.

Papierfabrik Greiz um 1894

1894 trat Felix Reinhold Günther dann im Alter von 22 Jahren als Mitinhaber in die Irchwitzer Papierfabrik ein und es begann ein weiterer bedeutender Ausbau der Fabrik. In einem großen Gebäudeanbau wurde eine zweite Papiermaschine aufgestellt die von der Firma G. Toelle in Niederschlema (Erzgeb.) geliefert wurde und am 15. Mai 1895 in Betrieb ging.
Felix Günther legte den Schwerpunkt auf die Herstellung marmorierter, gewolkter und gemusterter Phantasie- und Effektpapiere. In Zusammenarbeit mit den Farbwerken Höchst entwickelte er zahlreiche Varianten, die unter selbst erfundenen Namen auf den Markt gebracht wurden.

Felix Günther

1910 wurde ein neues Kesselhaus errichtet und 1911 ein Gleisanschluss an die Bahnstrecke Gera – Greiz – Plauen geschaffen.
In einem neuen Gebäude aus Stahlbeton wurde die dritte Papiermaschine installiert. Geliefert wurde sie von der Firma Banning & Seybold, Düren. Am 20. Januar 1913 ging sie in Betrieb, sie war ausgerüstet mit zwei übereinander eingebauten Langsiebpartien.
1925 konnte eine weitere Papiermaschine in Betrieb genommen werden, die PM IV. Diese Maschine war aus gebrauchten Teilen unter Leitung des Betriebsingenieurs Richard Penzold im Werk selbst konstruiert worden. Wegen der beengten Platzverhältnisse ist die PM IV im II. Stockwerk, oberhalb der PM III aufgestellt worden.
1929 konnte die Papiermaschine V in Betrieb genommen werden, sie war ebenfalls im Werk selbst aus gebrauchten Teilen konstruiert worden und besaß ursprünglich sogar drei übereinander angeordnete Siebpartien. Diese Maschine stand im dritten Stockwerk des Fabrikgebäudes.
In einem neuen Gebäudeanbau wurde 1932 die sechste Papiermaschine in Betrieb genommen. Diese Maschine war speziell für die Produktion von Lochkartenkarton (Hollerithkarton) bestimmt, bis 1971 wurde dieser Spezialkarton auf der PM VI produziert.
Nachdem im Juli 1945 die amerikanische Besatzungsmacht durch die sowjetische abgelöst worden war, stellte die Sowjetische Militäradministration (SMA) die Fabrik unter Sequester, aber Felix Günther wurde zum Treuhänder des Betriebes bestellt. Am 17. November 1947 wurde Felix Günther plötzlich verhaftet. In einem zweiten Verfahren vor der Großen Strafkammer in Gera wurde Felix Günther dann am 14. Juni 1948 zu einer Haftstrafe von 1 Jahr und 1 Woche verurteilt und sein gesamtes Vermögen, bis auf ein Haus in der Werksiedlung und 100.000 Mark, wurde eingezogen. Bereits am 1. Juni 1948 war der Betrieb laut entsprechender Urkunde enteignet worden. Diese Entscheidung hatte nicht unmittelbar mit dem Strafverfahren gegen Felix Günther zu tun, sondern geschah aufgrund des Befehls Nr. 64 der SMAD vom 28. April 1948.
Erst im März 1949, nach insgesamt 16 Monaten Haft wurde Felix Günther freigelassen.
Seit dem 1. Juni 1948 war die Greizer Papierfabrik offiziell und endgültig nicht mehr in Familienbesitz und wurde als volkseigener Betrieb (VEB) bezeichnet.

Papierfabrik Greiz 1952

Das Produktionsprogramm der Greizer Papierfabrik umfasste in den Jahren zwischen 1948 und 1970 hauptsächlich folgende Sorten (davon einige nur zeitweise):
Lochkartenkarton (Hollerithkarton), Fotoschutzpapier, Fahrtenschreiberpapier, Manilakarton (für Schnellhefter und Aktendeckel), Lampenschirmkarton, Textilhülsenpapier, Chromoersatzkarton (für Verpackungen), Albumkarton, Asbestpapier, Neulandmarmor (Überzugpapier), Krepppapier, Karteikarton, Schleifrohpapier, Kalanderwalzenpapier, Nadelpapier (für Verpackung von Nadeln) und Ogenolit (Umschlagkarton).
Mitte der 1960er Jahre wurde von der VVB Zellstoff-Papier-Pappe in Heidenau, der die Greizer Papierfabrik inzwischen zugeordnet worden war, eine bedeutende Innovation für Greiz beschlossen. Es entstand ein neuer Betriebsteil mit einer Papiermaschine, die speziell für die Produktion von Lochkartenkarton bestimmt war und am 14. Juni 1971 in Betrieb ging.

Gebäudekomplex PM VII

Nach der politischen Wende 1989/1990 erfolgte die Reprivatisierung des „Volkseigentums“. 1990 wurde der VEB Papierfabrik Greiz in „Papierfabrik Greiz GmbH“ umgewandelt und war ab 1. Juli 1990 eine Tochterfirma der neu gegründeten „Dresden Papier AG“.
1992 trennte sich die „Dresden Papier AG“ vom Altwerk und behielt nur noch den Betriebsteil II (PM VII) im Verbund.
Da sich für das Altwerk kein externer Käufer fand, übernahmen leitende Mitarbeiter in einem sogenannten „Management By Out“ selbst den Betrieb. Es wurden zahlreiche größere und kleinere Investitionen zur Modernisierung der Anlagen durchgeführt, u. a. ein neues Kraftwerk errichtet, aber eine entsprechende Gewinnsteigerung konnte nicht erreicht werden. Das führte neben anderen Ursachen schließlich 1997 zum Konkurs.
Eine Dortmunder Investorengruppe übernahm den Betrieb und führte ihn unter der Firma „GMG Spezialpapiere Greiz GmbH & Co. KG“ weiter. Geplante Investitionen scheiterten aber am fehlenden Kapital. Mit dem darauf folgenden Konkurs endete am 13. Juli 2001 die Papierproduktion des Altwerkes endgültig.
Am 1. September 1998 kaufte die Papierfabrik August Koehler AG, Oberkirch gemeinsam mit ihrer Schwesterfirma Euler GmbH & Co. KG, Bensheim den Greizer Werkteil PM VII. Nach umfangreichen Investitionsmaßnahmen konnte die Produktion auf hochwertige farbige Büro- und Spezialkartons aus 100% Altpapier umgestellt werden.
Heute ist die Greizer Papierfabrik ein Zweigwerk der Firma August Koehler SE in Oberkirch.
Links:  www.papierfabrik-greiz.de
www.greiz-vogtlandperle.de

 

Buchangebot
Ostthüringer Papiergeschichte
in Greiz und Fockendorf
Begleitheft zur Sonderausstellung
Umfang: 84 Seiten
Herausgeber:
Traditionsverein Papierfabrik Fockendorf e.V.
ISBN: 978-3-3943210-98-9 Preis 6,80 Euro